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Grindcore · 7 min

Grindcore-Releases 2026 — Splits, Demos, Promos

Powerviolence, Mince-Core, Goregrind: ein Überblick über die laufenden Grindcore-Veröffentlichungen 2025–2026, mit Auflagenzahlen, Labels und Tempo-Disziplin.

Grindcore ist 2026 nicht in den Albencharts und nicht auf den großen Festivals präsent — abgesehen vom Obscene Extreme in Trutnov, das seit 1999 die einzige verlässliche Übersicht über das Jahresprogramm der Strömung gibt. Was zählt, sind Splits, Demos und Promo-Tapes in Auflagen zwischen 100 und 300 Stück, die über Distros, Mailorder und Bandcamp wandern. Die Strukturen sind weitgehend DIY geblieben; die ökonomische Logik passt nicht zur Streaming-Plattform-Ära und arbeitet sich konsequent daran vorbei.

Powerviolence-Strömung

Die Powerviolence-Linie, in den frühen Neunzigern in Kalifornien von Bands wie Infest, Crossed Out und Man is the Bastard begründet, ist 2024–2026 in einer dritten Welle. Sie unterscheidet sich vom klassischen Grindcore durch ein bewussteres Spiel mit Tempowechseln — Blastbeat-Sektionen zwischen 250 und 300 BPM stehen unvermittelt neben Sludge-Schleppen unter 60 BPM, oft im selben Stück, oft ohne Übergang.

No One Knows What the Dead Think aus New York, ein Projekt mit Mitgliedern der originalen Discordance-Axis-Besetzung, haben mit ihrem 2018er Debüt die Brücke zwischen klassischer New-York-Grindcore-Schule und Powerviolence-Tempo-Disziplin gezogen. Die Folge-EPs 2023 und 2025 setzen diese Linie fort, mit Songlängen weit unter 90 Sekunden und einer Rhythmusgruppe, die Wechsel zwischen Blast und Halftime ohne Click-Reflex spielt.

Brain Tourniquet aus Richmond, Virginia, gehören 2025–2026 zu den prägenden Stimmen der amerikanischen Powerviolence-Welle. Die Split mit Sex Prisoner auf Iron Lung Records (300 Stück 7”, schwarzes Vinyl) war Anfang 2025 binnen vier Tagen ausverkauft.

Tempo-Schwellen und Songökonomie

Die ungeschriebene Tempo-Schwelle für Blastbeat-Sektionen liegt bei 250 BPM — alles darunter wird selten als „echter” Blast registriert, sondern als schneller D-Beat oder Tremolo-Pickslayer. Bands wie Wormrot aus Singapur fahren konsequent über 280 BPM, gemessen am Snare-Wechsel im Hyperblast-Pattern; das ist mit handgespielten Drums physisch an der Grenze und in der Praxis nur über kurze Distanzen aufrechtzuerhalten.

Songlängen-Disziplin: Stücke über 90 Sekunden gelten in der Strömung als erklärungsbedürftig. Wormrots „Hiss” (2022, Earache) hatte im Untergrund einige Debatten ausgelöst, weil mehrere Tracks die 3-Minuten-Marke knackten und mit Post-Hardcore-Elementen arbeiteten — ein Bruch mit der klassischen Mince-Core-Knappheit.

Mince-Core und die Agathocles-Linie

Die belgische Band Agathocles, seit 1985 aktiv, hat den Begriff Mince-Core in den späten Achtzigern als Selbstbezeichnung etabliert: eine Spielart des Grindcore, die ohne Blastbeats auskommt, dafür mit Mid-Tempo-D-Beat-Strukturen, geradlinigen Rotzgesangs-Ebenen und politischem Anti-Industrial-Inhalt arbeitet. Die Diskographie umfasst mittlerweile über 2.000 dokumentierte Splits — eine Zahl, die in keiner anderen Strömung des extremen Metal vorkommt.

2024–2026 tragen Bands wie Archagathus aus Manitoba, Patareni aus Kroatien und eine Reihe von Splits über Bones Brigade Records die Mince-Core-Linie weiter. Auflagen typisch: 100er Tape-Pressungen, 300er 7”-Pressungen, Verkauf primär über die jeweiligen Distro-Tische auf Touren und über Mailorder.

Goregrind-Untergrund

Goregrind ist die Spielart, die am konsequentesten in der DIY-Tape-Ökonomie geblieben ist. Lymphatic Phlegm aus Brasilien sind seit den späten Neunzigern die stilbildende Größe — pitch-shift-verzerrte Vocals, samplelastige Intros aus pathologischen Lehrvideos, Drum-Machine-Programmierung mit absichtlich plattem Sound. Die Linie wird 2025–2026 von Bands wie Last Days of Humanity (Niederlande, reaktiviert), Gut (Deutschland) und Carcass-Tribute-Projekten weitergetragen.

Auflagen im Goregrind-Bereich liegen oft unter 100 Stück — Tape-Pressungen von 50–80 Exemplaren sind nicht ungewöhnlich, Repressings ebenso. Der Markt ist eng, die Hörerschaft überschneidet sich mit der Death-Industrial- und Power-Electronics-Szene.

Labels 2026

Vier Labels tragen die laufende Grindcore-Welle 2024–2026 mit deutlicher Profilkante:

LabelSitzProfil
SelfmadegodWarschauGrindcore, Crust, Powerviolence; Splits, Compilations, LP-Reissues
Power It UpDeutschlandklassischer Mince-Core, politischer Grindcore
Bones BrigadeSpanienMince-Core-Splits, 7”-Veröffentlichungen, DIY-Distro
To Live a LieNorth CarolinaPowerviolence, Fastcore, Crossover-Strömungen

Daneben sind Iron Lung Records aus Seattle (Powerviolence-Spitze), Six Weeks Records aus Kalifornien (Hardcore-Crossover) und Doomentia aus Tschechien (Death-Grind-Schnittstelle) wichtige Knotenpunkte. Im deutschsprachigen Raum sind Cyclone Empire und Bizarre Leprous die verlässlichsten Distros für den europäischen Untergrund.

Bandcamp als Vertriebs-Standard

Der DIY-Untergrund hat sich 2018–2024 weitgehend auf Bandcamp als Vertriebsplattform geeinigt — nicht aus ideologischen Gründen, sondern aus pragmatischen: die 15-Prozent-Marge bei digitalen Verkäufen und 10 Prozent bei physischen ist die niedrigste verfügbare im Markt, die Plattform indexiert auch Auflagen von 50 Stück, und der Bandcamp-Friday-Mechanismus (am ersten Freitag im Monat verzichtet die Plattform auf ihre Marge) gibt Bands eine berechenbare Spitzenverkaufs-Gelegenheit.

Die Übernahme durch Songtradr im Oktober 2023 hatte im Underground für Skepsis gesorgt, weil eine Reihe von Bandcamp-Daily-Redakteur:innen entlassen wurde. Die operative Plattform ist 2024–2026 weiter funktionsfähig geblieben, die Marge-Struktur unverändert. Was sich verändert hat: das redaktionelle Profil — die kuratierte Bandcamp-Daily-Berichterstattung über Grindcore-Releases ist 2024 dünner geworden, was den Druck auf andere Outlets (Decibel Magazine, CVLT Nation, kleinere Zines) entsprechend verschoben hat.

Was 2026 läuft

Die laufenden Veröffentlichungs-Zyklen 2025–2026 zeigen drei stabile Linien: erstens die internationale Powerviolence-Welle mit Spitzen aus den USA, Großbritannien (Endless Swarm) und Skandinavien (Sete Star Sept aus Japan im erweiterten Kreis); zweitens die kontinuierliche Mince-Core-Produktion im belgisch-deutsch-spanischen Verbund; drittens der goregrind-affine Tape-Untergrund mit Schwerpunkt Südamerika und Japan.

Was die Strömung 2026 zusammenhält, ist nicht ein Sound, sondern eine ökonomische Praxis: kleine Auflagen, kurze Songs, direkter Verkauf, kein Streaming-Fokus, keine Booking-Agenturen außerhalb weniger Festival-Bookings im Jahr. Das macht den Markt überschaubar — und stellt sicher, dass die Veröffentlichungs-Kalender 2026 mehr 7”-Splits und Demo-Tapes enthalten als reguläre Alben. Genau so soll es im Genre offenbar bleiben.


Ressort: Grindcore