Death-Metal 2026 — was die jungen Bands aus dem alten Genre machen
OSDM-Revival, Schweden-HM-2-Sound, Florida-Erbe, Cavernous Death: eine Bestandsaufnahme der Bands, die Death-Metal 2024–2026 tragen, mit Label-Mapping und Album-Bezügen.
Death-Metal ist 2026 nicht das, was vor zehn Jahren als endgültig totgesagt galt. Was zwischen 2014 und 2018 als Nischen-Revival mit kleinen Auflagen und schwer auffindbaren Demos begann, ist seit 2020 eine eigene, breit ausdifferenzierte Strömung. Die Bands, die das Genre heute tragen, kommen aus den USA, Kanada, Skandinavien und Australien — und sie machen aus dem alten Genre etwas, das gleichzeitig referentiell und unmissverständlich gegenwärtig klingt.
Die OSDM-Wiederbelebung ab 2018
Der Begriff Old-School-Death-Metal hat sich um 2018 als Sammelbezeichnung für eine Welle von Bands etabliert, die bewusst auf die Produktionsästhetik und die Riff-Sprache der Jahre 1989 bis 1993 zurückgreifen — Schwedisches Schlachtwerk im Sunlight-Studio-Sound, Floridische Tightness der frühen Morrisound-Aufnahmen, britischer Doom-Death der ersten Peaceville-Welle. Bis 2020 hatte sich daraus ein eigener Markt gebildet: 7”-Splits in 300er-Auflagen, Demo-Tapes, die in zwei Tagen ausverkauft waren, und LP-Repressings, die binnen Stunden vom Label gehen.
Anders als das frühere Retro-Phänomen der späten 2000er Jahre (Bombs of Hades, Tribulation in ihrer ersten Phase) ist die aktuelle Welle weniger Imitation als Übersetzung. Bands wie Tomb Mold aus Toronto, Blood Incantation aus Denver oder Horrendous aus Pennsylvania zitieren das Vokabular der Ahnen, schreiben damit aber Songstrukturen, die keine direkten Vorbilder aus den frühen Neunzigern haben.
Schweden-Wurzel: HM-2 als Identität
Der Schweden-Strang lebt vom Sound-Stempel des Boss-HM-2-Pedals — ein 1983 erschienenes Heavy-Metal-Verzerrer-Pedal, das Entombed auf „Left Hand Path” (1990) und Dismember auf „Like an Ever Flowing Stream” (1991) zur Identität gemacht haben: alle vier Regler maximal aufgedreht, Schub statt Definition, eine Wand aus Mittenpräsenz und tiefem Grobschnitt.
Frozen Soul aus Fort Worth haben diesen Sound 2021 mit „Crypt of Ice” auf Centery Records in eine glatt produzierte, aber kompromisslose Schwedo-Variante übersetzt. Die 2024er Tour zur EP „Glacial Domination” zeigte: Der HM-2-Sound funktioniert auch in der Bandbreite einer modernen Live-Konsole, ohne sich in der PA aufzulösen.
Florida-Wurzel: Präzision statt Wand
Der Florida-Strang ist die andere Hälfte der OSDM-Genealogie. Statt der Schwedo-Wand zählt hier die Trennschärfe der einzelnen Stimme — Death, Deicide, Morbid Angel, Obituary haben in den frühen Neunzigern bei Scott Burns im Morrisound aufgenommen und damit eine eigene Tradition begründet, in der das Drumkit hart durchhörbar bleibt und die Gitarren nicht in der Bassmasse verschwinden.
Gatecreeper aus Phoenix sind das deutlichste Beispiel der Gegenwart: ihr 2023er Album „Dark Superstition” auf Nuclear Blast bringt die Florida-Tightness mit einem Schwedo-Mid-Range-Schub zusammen, ohne dass das eine das andere kannibalisiert. 200 Stab Wounds aus Cleveland fahren mit „Manual Manic Procedures” (2024, Metal Blade) eine ähnliche Hybridlinie, mit deutlicherem Hardcore-Einschlag in der Songökonomie — kürzere Tracks, geradere Beats, kein Solo-Selbstzweck.
Sub-Genre-Differenzierungen 2024–2026
Cavernous Death
Cavernous Death — manchmal auch „Bestial” oder „War Metal” eingemeindet, was unsauber ist — beschreibt eine Spielart, die seit etwa 2014 mit Bands wie Antediluvian, Mitochondrion und Adversarial aus Kanada an Form gewonnen hat. Charakteristisch: dichte, halligen Produktion, die einzelne Riffs zu einer einzigen tektonischen Bewegung verschmelzen lässt; tiefste Stimmung; oft chromatische Tritonus-Achsen statt klarer Tonarten.
Blood Incantation haben mit „Hidden History of the Human Race” (2019) und dem 2024er Doppelalbum „Absolute Elsewhere” (Century Media) die Cavernous-Linie um Krautrock-Synthflächen und 70er-Prog-Strukturen erweitert. Der „Timewave Zero”-Ambient-Ausflug von 2022 war dafür die Vorarbeit.
Dissonant Death
Die dissonante Spielart, oft auf Ulcerate aus Neuseeland und Gorguts „Obscura” (1998) als Stammväter zurückgeführt, hat sich 2022–2026 als eigene Strömung mit klarer Handschrift etabliert. Bands wie Pyrrhon aus New York, Imperial Triumphant (mit deutlichem Black-Metal- und Avantgarde-Jazz-Einschlag) oder die früheren Werke von Artificial Brain arbeiten mit erweiterten Akkorden, verschachtelten Polyrhythmen und Tonleiterfremdheit als kompositorischem Prinzip.
Horrendous aus Philadelphia sitzen 2026 zwischen Dissonant Death und einer fast progressiven Klangästhetik. „Ontological Mysterium” (2023, Season of Mist) verbindet 70er-Hardrock-Phrasierung mit Death-Riffschreibung — keine Klangwand, sondern ein Band-Sound, der jede Gitarrenstimme einzeln durchhörbar lässt.
Brutal Death und Slam
Die brutale und die Slam-Spielart sind 2024–2026 vor allem in der zweiten Reihe der Festivals präsent (Obscene Extreme, Maryland Deathfest, Devastation on the Nation), kommerziell weniger sichtbar als die OSDM-Welle, im Underground aber unangefochten. Sanguisugabogg aus Columbus, Ohio, haben mit „Homicidal Ecstasy” (2023, Century Media) den Slam-Faden in eine breitere Hörerschaft hinein verlängert, ohne den Genre-Code zu verwässern.
Tech-Death
Die technische Spielart hat 2024–2026 eine stabile Mittelschicht: Archspire aus Vancouver, Beyond Creation aus Montreal, Cytotoxin aus Deutschland. Auflagen liegen bei den Spitzen-Acts im fünfstelligen Bereich (LP plus CD plus Digital), die Tour-Logistik wird zunehmend von Agenturen mit Festival-Bookings koordiniert. Das ist nicht mehr Underground im strengen Sinn, aber weiterhin außerhalb der großen Metal-Industrie.
Label-Mapping
Vier Labels tragen den OSDM-Revival-Strang 2024–2026 mit deutlicher Handschrift:
| Label | Sitz | Profil-Schwerpunkt |
|---|---|---|
| 20 Buck Spin | Olympia, WA | OSDM, Doom-Death, Crossover; Tomb Mold, Ascended Dead |
| Profound Lore | Toronto | Dissonant Death, Doom, Avantgarde; Pyrrhon, Krallice |
| Relapse | Philadelphia | Crossover-Schicht zwischen Underground und Mainstream; Horrendous, Tomb Mold (Co-Release) |
| Dark Descent | Colorado Springs | OSDM, Cavernous, Death-Doom; Blood Incantation (frühe Phase), Spectral Voice |
Daneben sind Edged Circle Productions aus Norwegen, Iron Bonehead Productions aus Deutschland und Me Saco Un Ojo aus Großbritannien wichtige Knotenpunkte für die kompromisslosere Underground-Linie. Bei Iron Bonehead etwa erscheinen jährlich 40–60 Titel, oft in Auflagen von 300 bis 500 LPs pro Repressing — eine Größenordnung, die deutlich macht, in welcher Skala der Markt operiert.
Was die jungen Bands aus dem alten Genre machen
Die ehrliche Antwort auf die Eingangsfrage: Sie behandeln die OSDM-Sprache nicht mehr als Zitat, sondern als Werkzeugkasten. Tomb Molds „The Enduring Spirit” (2023) ist ein Album, das in den frühen Neunzigern niemand hätte schreiben können — nicht wegen der Produktion, sondern wegen der Songökonomie, die Stoner-Doom-Ruheflächen mit OSDM-Riffwendungen verschränkt. Blood Incantations „Absolute Elsewhere” (2024) ist Death-Metal als Konzeptalbum mit 20-minütigen Stücken; das gab es im Genre vorher nicht in dieser Konsequenz.
Frozen Soul, Gatecreeper und 200 Stab Wounds halten die direktere, körperlichere Linie offen — Alben, die für Live-Sets geschrieben sind, mit klarer Mosh-Logik und einer Sounddiziplin, die sich am Pedal und am Slate-Drum-Mikrofonierungs-Standard von 2024 misst, nicht an irgendeiner imaginierten Authentizität.
Was sich 2024–2026 herauskristallisiert: Death-Metal ist kein Revival mehr. Er ist eine Erwachsenen-Tradition mit eigener Schreibtechnik, eigener Marktstruktur und einer Hörerschaft, die das Genre als Ganzes ernst nimmt, ohne es zu musealisieren. Die jungen Bands machen daraus keine Rekonstruktion. Sie machen weiter.